Geschlechtlichkeit im Internet - Erfahrungsorientierte Diskussion im Fisbowl*-Style am Freitag

Eine Zusammenfassung von Diskussionen und Diskussionssträngen, die keine Gruppen- oder Konensensmeinungen darstellt, sondern auf den Beiträgen der Diskussionesteilnehmer_innen beruht.

Die Diskussion beginnt bei der Abfrage von "a/s/l" in Chats, eine Erfahrung die einige von uns in den 1990ern gemacht haben: Gibt mensch "f" an, öffnen sich fünf Chatfenster, gibt mensch "m" an, hören die Leute auf, mit einer_m zu reden. Gender/Age/Location Swapping als Strategie. Apropos Strategien: Währen die Masse gestern wie heute anscheinend keinen Wert darauf legt, Geschlechtlichkeit und normative Zuschreibenden im Netz (wie offline) zu problematisieren und politisieren, bietet das Netz verschiedene Möglichkeiten eines kritischen Umgangs damit. Die Fishbowl diskutiert zum einen den Umgang mit Uneindeutigkeit von Geschlecht im Netz, zum andern aber auch das Sichtbarmachen von Positionen als wichtige feministische und queere Strategie, zum Beispiel bei Frauennetzwerken oder wenn mensch sich gezielt interessante Menschen bei Twitter oder in den RSS Reader holt: "Man kann auch ganz anders ins Internet gehen". Gerade in der feministischen Bloggosphäre hat sich in den letzten Jahren viel getan. Immer mehr feministische Blogs werden geschrieben und gelesen. Bei der zunehmenden Verbindung von real life und virtuellen Identitäten heutzutage scheint das auch immer wichtiger zu werden. Die Sichtbarkeit von Frauen kann aber auch Probleme mit sich bringen, zum Beispiel "rudelkruscheln" von Frauen auf StudiVZ. Auch im Netz wird davon ausgegangen, dass Männer Ahnung von Themen haben und (bestimmte) Frauen nicht; aber im RL ist das mitunter noch viel stärker.

Wir diskutieren weiter über Uneindeutigkeit: Ist das Internet ein Medium, in dem es weniger möglich ist, Uneindeutigkeiten aufrecht zu erhalten? Und wie funktioniert das, wenn das Bild auf Dauer wegfällt? Neben Faktoren wie der Impressumspflicht oder Avataren finden Zuschreibung auch anhand von Sprache oder inhaltlichen Merkmalen statt. Ein interessanter Fall für Zuschreibungen ist die Plattform soup.io, auf der Sachen gepostet und repostet werden. Soup.io gibt in Hinblick auf Geschlecht und ähnliches keine Struktur die Frage scheint im Datenstrom unterzugehen. Für andere erscheint soup.io aber auch als kollektive Identität, bei der Individuen dann tendenziell als "Kerle" gelesen werden.
Bei aller Uneindeutigkeit: Eine Verortung/Selbstverortung von Leuten, z.b. Blogger_innen, fehlt oft. Dabei geht es gar nicht darum, eine Eindeutigkeit herzustellen, sondern darum, dass Leute verantwortlich mit ihrer Position im Netz umgehen. An welchen Stellen bedeutet Neutralität Freiraum, und an welchen Stellen bedeutet es Ignoranz? Der Diskurs über das Netz als potentiell geschlechtsloser Raum hängt damit zusammen, dass das Netz als anderer Raum konstruiert wurde, als virteulle Realität. Dabei wurde aber nicht genügend bedacht, dass die Leute im Netz auch aus einer Gesellschaft kommen.
Zusammenfassend:
- Es gibt vielfältige Strategien für den Umgangs mit dem Paradox Geschlecht sein zu müssen/wollen/sollen
- Uneindeutigkeit verteidigen
- Uneindeutigkeit ist nicht Neutralität
- Positionierungen einfordern- Vernetzung und Sichtbarkeiten stärken

So ergeben sich im Netz Möglichkeiten, kritisches auseinandersetzen mit Differerenzen auch in den Mainstream oder an privilegierte Postionen zu tragen. Dabei könnte es auch wichtig sein, Angriffe und Shitstorms auszuhalten, um mit der Sichtbarkeit verschiedener feministischer Positionen auch aus der Emma ecke rauszukommen.

* @yetzt: aus szenekontext sollte der fishbowl einfach liquid panel heißen. #gendercamp

Posted by ihdl